Agility Nachrichten
    Freitag, den 26.Mai 2017

 

Agility in England

von Jana Kiefer

Kontaktzonen in Lesley
wunderschöne Kontaktzonen bei Lesley;)

Nach dem Abitur 2008 haben mein Sheltierüde Finn und ich ein halbes Jahr in England verbracht. Schon immer war mir klar, dass ich nach der Schule erst einige Zeit ins Ausland gehen will und auch, dass Finn mitkommen muss ;). Nach ewigem Suchen fand ich schließlich eine Stelle als (Hunde-) Au-Pair in Winchester. Meine Gastmutter arbeitete als Ärztin und hatte nicht genug Zeit für ihre 3 Hunde, deshalb hatte sie schon einige Jahre Au-Pairmädchen, die sich um ihre Hunde kümmerten und nebenher noch die anderen typischen Au-Pair Aufgaben erledigten.

Meine Au-Pair Hunde
Meine Au-Pair Hunde

Ich hatte großes Glück, denn Katarina betrieb selbst mit ihren Hunden ziemlich intensiv Agility und hatte sogar einen eigenen Platz mit einem kompletten Parcours hinter dem Haus.

Einmal in der Woche fuhren wir zu Lesley Olden zum Training, Lesley ist in England ziemlich bekannt und hat einen tollen Platz und für den Winter eine eigene Trainingshalle nur für Agility, ich konnte es also kaum besser treffen ;).

Um in England an Agilityturnieren ( = Agility show ) teilnehmen zu dürfen, braucht man keine BH so wie bei uns, man muss lediglich eine ATC ( Authority to Compete ) Nummer beim Kennel Club beantragen. Sobald man diese hat, kann man die ersten Turniere melden. In den ersten Wochen musste ich noch auf meine ATC Nummer warten und bin nur so mit auf die Turniere gefahren, auf denen Katarina gestartet ist. Schon vom Hörensagen wusste ich, dass in England einiges anders ist ... aber WIE anders ... das sollte ich erst noch sehen.

Wohnwagen

Der größte Unterschied ist mit Sicherheit die Größe der Turniere…sie sind groß, sehr groß…riesig!!! Kein Turnier auf dem ich gestartet bin, hatte weniger als 10 Ringe und alle hatten mehrere Hundert Starter.
 
Das kommt daher, dass es keine Teilnehmerbegrenzung bei offiziellen Turnieren gibt. Jeder, der in einem vorgegebenen Meldezeitraum ein Turnier meldet, muss genommen werden, Absagen oder eine Warteliste gibt es nicht (so will man ein möglichst hohes Niveau gewährleisten), außerdem kann man mit so vielen Hunden starten, wie man möchte. Deshalb finden die Turniere auch nicht auf den Trainingsplätzen der Vereinen oder Clubs statt, sondern entweder in Parks, auf Feldern von einem Bauer, auf Pferderennbahnen oder auf sog. Showgrounds ( eine Art Messegelände unter freiem Himmel ) statt.
 
Neben den Ringen in denen die Läufe statt finden gibt es meistens noch einen Trainingsring, auf dem man gegen ein kleines Entgelt auf einem kompletten Parcours trainieren kann. Außerdem einige Verkaufsstände und typisch englisches Essen (mein unangefochtener Favorit waren Jacket Potaoes, sehr lecker!!).
 
Vorab bekommt man einen "Ringplan" und seine "running order" zugeschickt, sodass man weiß wann in welchem Ring welche Klasse ist.

Ringplan, darauf stehen die Klassen, die Anzahl der Starter und die Richter
Ringplan, darauf stehen die Klassen, die Anzahl der Starter und die Richter

Running order
Running order

Man kann sehen, dass es andere Leistungsklassen gibt als in Deutschland. Anstatt A0 bis A3 gibt es Grade 1 bis Grade 7. Da ich in Deutschland schon mit Finn im A3 gestartet bin, durfte ich gleich in Grade 6 starten. Ich selbst würde sagen, dass Grade 1 dem deutschen A0 entspricht, Grade 2 und 3 dann A1, Grade 4 und 5 dann A2 und Grade 6 A3. Grade 7 ist die sog. Championshipklasse, quasi A3 mit Sternchen. Für diese kann man sich nur durch 4 Siege (davon min. 2 A-Lauf Siege) in Grade 6 qualifizieren. Wenn man dann in Grade 7 ist, darf man auf den Championship Turnieren starten (davon gibt es nur ein paar über das Jahr verteilt), hier kann man dann um die sehr begehrten Qualifikationen für den Titel „Agility Champion“ (Ag. Ch.) kämpfen.
 
Das ist in England eine große Sache und es schaffen wirklich nur die besten Hunde den Titel Ag. Ch. zu bekommen. Es gibt pro Championship Turnier je 2 Qualifikationsläufe (A-Lauf und Jumping), die besten pro Größenklasse, die fehlerfrei bleiben, kommen in den Finallauf und der Sieger der Finallaufes bekommt dann 1 „Ticket“. Nach 3 Siegen ist der Hund dann ein Agility Champion.
 
Um an den Qualifikationen für die FCI EO und FCI WM teilnehmen zu dürfen, müssen die Hunde aber nicht in Grade7 sein, da reicht Grade 6.

Blue Merle Border Collie beim Sprung

Aber die EO und die WM sind nicht sie einzigen großen Events im englischen Sportkalender. Es gibt einige großartige Veranstaltungen, für die man sich in verschiedenen Qualifikationsläufen das Jahr über qualifizieren kann.
 
Zum Bespiel für Crufts, der riesigen Hundeausstellung in Birmingham oder für "Olympia", hier gibt es jedes Jahr Agilitywettbewerbe als Schauprogramm bei der „Olympia London International Horse Show“ im Dezember in London. Besonders schön ist finde ich, dass es nicht nur „normale“ Läufe ( Agility und Jumping )gibt, sondern auch einige besondere Klassen, wie z.B. Paarläufe, Teamläufe, Knockouts, Läufe für junge/weniger erfahrene Hunde (Novice) und natürlich auch für die Hunde der höchsten Klassen (Senior), außerdem gibt es sowohl bei Olympia als auch bei Crufts einen ABC ( =Anything But Collies ) Lauf, hier dürfen keine Border Collies (= Collies) oder Working Sheepdogs (=WSD, Border Collies ohne Papiere) starten, damit die anderen Large Rassen sich mal ohne Border Collies untereinander messen können. Alle ABC Läufe, die ich gesehen habe, waren anstatt von Border Collies von Kelpies dominiert.

Border Collie beim Sprung

Am Anfang konnte ich mir nicht vorstellen, dass die englischen Turniere funktionieren sollten. Alles schien schrecklich unorganisiert und unpersönlich. Im Nachhinein war das aber nicht so. Wie ich schon weiter oben geschrieben habe, bekommt man im Vorfeld seine running order und den Ringplan zugeschickt. Obwohl darauf eine Startnummer steht, hat diese nichts darüber zu sagen, wann man tatsächlich startet – man stellt sich nämlich einfach irgendwann während die Klasse läuft hinten an der Schlange an und wartet, bis man dran ist. Die Engländer eben, auch beim Agility kommt man am queuing nicht vorbei ;)

Bei großen Klassen ging die Schlange teilweise fast einmal um den ganzen Ring herum, das war wirklich krass!!!

Kurz bevor man startet gibt man dem Einweiser seinen Namen und einen Zettel, auf dem dann von Hand das Ergebnis des Laufs eingetragen wird. Die Auswertung wird dann auch von Hand gemacht, nachdem alle Hunde gelaufen sind.

Turnierauswerter bei der Arbeit
Auswertung

Wenn die meisten Hunde gelaufen sind gibt es meistens Lautsprecherdurchsagen, die die letzten Starter dazu auffordern, an den Start zu kommen, das geht dann meistens so: „ Ring 11, medium grade 6 jumping is calling to the end of class“ , dann weiß jeder, um welchen Lauf es sich handelt. Parallel werden dann meistens noch diese Schilder am Startbereich aufgestellt.

Fahne mit Aufschrift: Calling to the end of a class
Dann weiß auch der Letzte, dass bald eine neue Klasse startet.

Die Läufe werden entweder für die einzelnen Klassen getrennt ausgewertet (da steht dann dabei „graded“ oder G) aber ziemlich oft werden sie auch zusammen gefasst, sie sind dann „combined“ oder C.

Es gibt ziemlich viele Turniere in England und sie sind alle ziemlich groß – das heißt, man brauch viele Richter. Deshalb gibt es keine Einschränkungen und Prüfungen wie bei uns in Deutschland, jeder, der will kann und soll Richter werden. Egal, ob man 16 oder 60 ist, egal ob man in Grade 3 oder Grade 7 startet.

Dadurch habe ich mir die für mich teilweise seeeeehr untypischen und ekligen Parcours erklärt. Der Richter setzt auch die Standardzeit frei fest, dafür gibt es keine Regel.

Eine Zeltlandschaft wie bei uns in Deutschland gibt es nicht, meistens grenzt ein Ring direkt an den anderen und außerdem hat man sowieso kaum Zeit um mal eine Weile in Ruhe zuzuschauen, irgendwie hat man immer noch einen Lauf (normalerweise hat man 3 am Tag), für den man sich anstellen muss ;)

Sieger Finn mit Schleifchen
Finn

Die Siegerehrungen werden dann über Lautsprecher angekündigt, nachdem eine Klasse/ein Lauf fertig ist. Wenn man denkt, dass man platziert sein könnte geht man zur Meldestelle und dann wird man entweder aufgerufen oder nicht. Alle fehlerfreien Teams bekommen meistens ein „Clear Round Ribbon“ und die ersten 3 oder manchmal auch mehr bekommen entweder eine Pokal oder auch eine Schleife.

Seine eigenen Ergebnisse trägt man selbst (man brauch keine Unterschrift der Richters) von Hand in sein „Agility Record Book“ ein. Das ist ein Heft, das man sich bestellen kann, um die Aufstiegsrelevanten Läufe einzutragen. Um von Grade 1 bis Grade 6 aufzusteigen, braucht man entweder 1 Sieg im A-Lauf oder 3 Siege im Jumping. Je nach Platzierung bekommt man nach zusätzlich Punkte. Diese Punkte kann man sammeln und wenn man genug hat, kann man beim Kennel Club einen „Agility Warrant“ Titel für den Hund beantragen. Je nachdem wie viele Punkte man gesammelt hat, gibt es die Titel Agility Warrant Bronze, Agility Warrant Silver und Agility Warrant Gold. Das ist vor allem für die Hunde eine Anerkennung, die aufgrund der großen Klassen (bei Large oft 250 Hunde oder mehr) nicht siegesfähig sind, aber dennoch konstant gute Leistungen bringen.

Wie auch in Deutschland sind Border Collies die Rasse, die die Agilityszene dominiert, nicht nur im Large sondern mittlerweile auch im Medium. Außerdem gibt es ziemlich viele BC Kreuzungen, vor allem „lurcher“ ( Hütehund – Windhund Mischlinge ), BC-Pudel und BC-Terrier. Im Vergleich zu Deutschland habe ich gefühlsmäßig sehr wenige Belgische Schäferhunde gesehen, dafür aber einige Kelpies und viele Jagdhunde.

Lurcher im Slalom

Mir persönlich ist sonst noch aufgefallen, dass nicht nur die Parcours sich von unseren „continental“ Parcours unterscheiden, sondern auch der Führstil. Die meisten Hundeführer waren nämlich eher wechselfaul und haben das meiste von hinten geführt, deshalb haben die meisten Hunde gut ausgebildete rechts und links Kommandos, dann geht’s oft auch ohne Wechsel ;)

Ja, Agility in England ist wirklich anders als Agility bei uns in Deutschland aber es ist eine aufregende Abwechslung zum Deutschen Turnieralltag und es hat mir sehr gut gefallen und viiiiel Spaß gemacht auf Turnieren zu starten, es geht sehr lustig zu in der englischen Agilityszene ;). Es ist mit Sicherheit eine Überlegung wert einmal nach England zu fahren um Urlaub und Agility zu verbinden ;)

 

Liebe Jana, vielen Dank für den Blick über den Tellerrand und deine schönen Bildern über Agility in England. Der direkte Vergleich mit den deutschen Verhältnissen ist sehr interessant.

 

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